Unsterbliche Musik muss überraschen

Musikgeschichte · Gedanken

Februar 2020 · Von Valeria Gleim

Die Welt verändert sich, die Gesellschaft durchläuft unterschiedliche Entwicklungsphasen – und auch die Musik muss sich an eine sich wandelnde Welt anpassen.

Einen zweiten Beethoven oder Bach wird es nicht mehr geben! Und zwar nicht deshalb, weil heutige Komponisten nicht mehr in ihrem Stil komponieren könnten. Sie können es – und einige tun es sogar hervorragend. Ein Beispiel dafür ist Alfred Schnittkes „Suite im alten Stil“.

Wer heute ein Werk im Stil Bachs oder Mozarts schreibt, wird damit kaum jemanden überraschen. Die Aufgabe zeitgenössischer Komponisten besteht vielmehr darin, etwas Neues und Ungewöhnliches zu schaffen – etwas, das einen anspruchsvollen Hörer berührt, der Bach, Mozart, Chopin, Ravel und Prokofjew bereits kennt.

Komponisten suchen und finden neue Formen, um die Menschen wieder zu überraschen – so, wie Beethoven oder Paganini einst ihre Zeitgenossen überraschten.

Diese Epochen gehören der Vergangenheit an. Ihre Musik erzählt die Geschichte unserer Vorfahren. Die Musik unserer Zeit sollte für spätere Generationen ein ebenso deutliches Zeugnis ihrer Epoche hinterlassen.

Musik trägt die Informationen der Zeit in sich, in der sie entstanden ist. Deshalb ergibt es wenig Sinn, weiterhin Musik zu schreiben, die nicht mehr zur heutigen Wirklichkeit passt.

Im Barock standen Komponisten beispielsweise im Dienst der Kirche oder eines Fürstenhofes. Für die Kirche schrieben sie Messen und Kantaten, für den Hof unterhaltsame Tanzmusik wie Menuette und Gavotten.

Heute tanzt kaum noch jemand diese Tänze, weshalb sie in der zeitgenössischen Musik nur selten vorkommen. Das Tango Nuevo von Astor Piazzolla hingegen fand in unserer Zeit eine starke Resonanz.

In der Epoche der Klassik entstanden neue Gattungen der sinfonischen Musik, und der musikalische Geschmack veränderte sich. Die Musik begann allmählich, die Grenzen von Kirchen und höfischen Palästen zu verlassen.

In der Romantik gewannen Musiker größere Freiheit und wurden zu „freien Künstlern“. Sie begannen, die Musik zu schreiben, die sie selbst schreiben wollten und empfanden – und nicht nur jene, die ihnen von einem Arbeitgeber vorgegeben wurde.

Dann folgte der industrielle Umbruch, der auch in der Musik des 20. Jahrhunderts deutlich spürbar ist. Die Energie der industriellen Entwicklung lässt sich beispielsweise in Georgi Swiridows „Zeit, vorwärts!“ hören, das als Titelmusik der Fernsehsendung „Wremja“ bekannt wurde.

Später kamen Kriege, Zerstörung und Hunger – und auch all das spiegelte sich in der Musik wider. Dieses scheinbare Klangchaos erzählt vom Leben unserer Vorfahren.

Heute ist eine Zeit der Suche nach dem eigenen Selbst angebrochen. Die Menschen denken verstärkt über ihre Bestimmung und den Sinn des Lebens nach. Auch das findet seinen Ausdruck in der Musik zeitgenössischer Komponisten.

Diese Musik wird häufig stark kritisiert – und das ist normal. Jedes Werk muss die Prüfung der Zeit bestehen. Doch wir selbst leben bereits in einer geschichtsträchtigen Zeit und können ihre Musik als Teil unserer Gegenwart annehmen.