Niccolò Paganini – genialer Geiger oder ein Mann, der seine Seele dem Teufel verkaufte?

Musikgeschichte · Große Musikerpersönlichkeiten

25. August 2026 · Von Valeria Gleim

Bild: Niccolò Paganini, Porträt von Andrea Cefaly (1827–1907), gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.

Musik: Niccolò Paganini – Variationen auf der G-Saite über das Thema "Das tut stellato sogilo" aus Rossinis Oper "Mose in Egitto", MS 23

Kaum ein Geiger ist von so vielen Legenden umgeben wie Niccolò Paganini. Seine außergewöhnliche Geigentechnik, seine Bühnenpräsenz und sein beinahe unheimliches Auftreten faszinierten das Publikum des 19. Jahrhunderts so sehr, dass manche Zeitgenossen glaubten, seine Fähigkeiten könnten nicht allein menschlichen Ursprungs sein.

Doch was steckt wirklich hinter dem Mythos Paganini?

Vielleicht haben Sie die berühmte Geschichte schon einmal gehört: Während eines Konzerts sollen Paganini nacheinander die Saiten seiner Violine gerissen sein. Doch anstatt das Konzert abzubrechen, spielte er einfach weiter – schließlich angeblich auf nur noch einer einzigen Saite.

Unglaublich?

Aus Sicht einer Geigerin lautet die Antwort: Nein. Technisch ist das durchaus möglich.

Kann man wirklich auf nur einer Saite Violine spielen?

Viele Töne lassen sich auf der Violine an unterschiedlichen Stellen und damit auf verschiedenen Saiten spielen. Ein hervorragender Geiger kann deshalb Passagen auf andere Saiten verlagern.

Und Paganini ging noch viel weiter.

Er komponierte bewusst Musik, die die außergewöhnlichen Möglichkeiten einzelner Saiten demonstrierte. Seine berühmte „Sonata Napoleone“ etwa wurde für die G-Saite geschrieben. Auch die sogenannte „Scena amorosa“ spielte mit dem Kontrast einzelner Saiten der Violine.

Deshalb ist durchaus vorstellbar, dass Paganini auch einen gerissenen Saitensatz während eines Konzerts musikalisch auffangen konnte.

Aber es gibt noch eine spannendere Möglichkeit:

Vielleicht gehörte der Effekt sogar zur Show.

Paganini verstand nämlich etwas, was heute jeder erfolgreiche Bühnenkünstler kennt: Virtuosität allein reicht nicht. Ein Publikum möchte nicht nur Perfektion hören – es möchte etwas erleben.

Seine Konzerte wurden zum Ereignis. Menschen strömten in die Säle, Geschichten über seine unglaublichen Fähigkeiten verbreiteten sich durch ganz Europa, und sein dämonisches Image machte ihn nur noch berühmter.

Paganini veränderte die Geschichte der Violine

Natürlich war die Violine lange vor Paganini eines der wichtigsten Instrumente Europas. Vivaldi, Bach, Mozart, Beethoven und viele andere Komponisten hatten bereits bedeutende Werke für Violine geschrieben.

Doch Paganini verschob die Grenzen dessen, was man auf einer Violine für möglich hielt.

Plötzlich konnte das Instrument flüstern, springen, pfeifen und beinahe wie eine Flöte, eine Gitarre oder eine Harfe klingen. Flageoletts, Doppelgriffe, extreme Lagen, Pizzicato mit der linken Hand und spektakuläre Bogentechniken wurden zu Bestandteilen einer neuen virtuosen Klangwelt.

Paganini machte aus der Violine ein spektakuläres Soloinstrument – und beeinflusste damit Generationen von Geigern und Komponisten.

Was machte Paganini so außergewöhnlich?

Sein Erfolg lässt sich meiner Meinung nach auf drei entscheidende Faktoren zurückführen: Talent, Disziplin und Experimentierfreude.

Talent. Seine musikalische Begabung zeigte sich bereits in früher Kindheit. Zunächst lernte Niccolò Paganini Mandoline, später Violine. Schon als Kind komponierte er und trat öffentlich auf.

Doch Talent allein erklärt seine unglaubliche technische Entwicklung nicht.

Disziplin. Paganinis Vater ließ seinen Sohn intensiv üben. Die Ausbildung war nach heutigen Maßstäben äußerst hart. Über Paganinis Kindheit entstanden später zahlreiche dramatische Geschichten – bis hin zu Berichten über stundenlanges Üben und völlige körperliche Erschöpfung.

Wie viel davon historisch exakt belegt und wie viel später ausgeschmückt wurde, ist nicht immer eindeutig.

Eines steht jedoch fest: Hinter Paganinis scheinbar übernatürlicher Technik standen unzählige Stunden Arbeit an der Violine.

Und genau das ist auch heute im Violinunterricht eine wichtige Erkenntnis: Außergewöhnliche musikalische Fähigkeiten entstehen selten nur durch Talent. Technik entwickelt sich durch konzentriertes, intelligentes und langfristiges Üben.

Experimentierfreude. Vielleicht ist das der spannendste Punkt.

Paganini akzeptierte die bestehenden Grenzen der Geigentechnik nicht einfach. Er experimentierte mit Klangfarben, Fingersätzen, Bogentechniken und ungewöhnlichen Effekten und suchte ständig nach neuen Möglichkeiten seines Instruments.

Dadurch entstand eine Art des Geigenspiels, die für viele Zuhörer vollkommen neu gewesen sein muss.

Hat Paganini seine Seele wirklich dem Teufel verkauft?

Natürlich nicht.

Aber für das Publikum seiner Zeit muss seine Kunst tatsächlich beinahe übernatürlich gewirkt haben.

Seine außergewöhnliche Erscheinung, seine extreme Virtuosität und die Geschichten, die sich um seine Person rankten, verstärkten den Mythos vom „Teufelsgeiger“.

Selbst nach seinem Tod 1840 endete die Geschichte nicht. Wegen seines Rufes und komplizierter kirchlicher Umstände wurde eine kirchliche Bestattung zunächst verweigert. Erst nach langwierigen Auseinandersetzungen konnten seine sterblichen Überreste schließlich kirchlich bestattet werden.

So lebte die Legende vom geheimnisvollen Paganini selbst nach seinem Tod weiter.

Und seine berühmteste Violine?

Paganini besaß mehrere wertvolle Instrumente bedeutender italienischer Geigenbauer, darunter Instrumente von Stradivari, Amati und Guarneri.

Besonders eng verbunden war er mit einer Violine von Giuseppe Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1743.

Er nannte sie „Il Cannone“ – die Kanone. Ihren Namen erhielt sie wegen ihres außergewöhnlich kraftvollen und tragfähigen Klanges.

Paganini vermachte dieses Instrument seiner Heimatstadt Genua. Dort wird es bis heute aufbewahrt.

Und vielleicht erzählt gerade diese Violine die Geschichte Paganinis besser als alle Legenden:

Hinter dem vermeintlichen „Teufelsgeiger“ stand kein Zauber.

Es war die außergewöhnliche Verbindung aus Begabung, enormer Arbeit, musikalischer Fantasie und dem Mut, die Grenzen der Violine immer wieder neu auszuloten.

Und genau deshalb sprechen wir fast 200 Jahre später noch immer über Niccolò Paganini.